... und staunen
Bei der Vorbereitung der Ausgabe vom 11. Dezember 2003 meinte die Leserbriefredaktion vielleicht, es sei nun an der Zeit, den hochwasserbedrohten Menschen im Kölner Süden es mal so richtig zu zeigen.
Da kam der Leserbrief eines Rodenkirchener Bürgers gerade recht. Der hatte wohl einiges gründlich durcheinandergeworfen. Und kam zu allerlei falschen Schlüssen.
Was tun angesichts solch eines tragischen Missverstehens?
Nun – als unverbesserliche Volksaufklärer hocken sich die Bürgerinitiativler hin und schreiben dem Herrn B. einen Antwortbrief. Eine Aufgabe, die eigentlich die freie und verantwortungsvolle Presse uns hätte ersparen können ...
Aber hier erst einmal der Leserbrief:
Kölner Stadt-Anzeiger - LESERBRIEFE
Donnerstag, 11. Dezember 2003
Wir leben mit dem Hochwasser
Zur Berichterstattung über den geplanten
Hochwasserschutz in Rodenkirchen
Nachdem die „Alten Rodenkirchener“ seit ewigen
Zeiten im „Auen-Viertel“ oder Überschwemmungs-
Gebiet mit dem Rhein gelebt haben, werden nun
immer wieder von Leuten, welche sich anscheinend
bei Niedrigwasser dort angesiedelt haben,
Forderungen nach millionenteuren Baumaßnahmen
geäußert - zum Beispiel Spundwänden und Pumpwerk.
Diese Personen wissen anscheinend nicht, oder
wollen nicht wissen, dass mit dem Rhein auch
das Grundwasser steigt. Nicht nur im Auenviertel,
sondern auch im Karree Hauptstraße,
Maternusstraße, Brückenstraße und Frankstraße.
Wenn der Deich Uferstraße noch passierbar ist,
steht dahinter das Grundwasser in Kellern und
Gärten. Wenn das Grundwasser aus dem
Auenviertel über den Deich gepumpt wird,
passiert dort dasselbe.
Beim Beginn des nächsten Hochwassers werde
ich den gefluteten Kindergarten in der Brückenstraße,
und die gefluteten Gärten im Auenviertel fotografieren,
und meine Behauptungen beweisen.
Horst Rudolf B...., Rodenkirchen
(Nachnamen entfernt, da wir nichts gegen Herrn B. haben.
Irren ist schließlich menschlich)
Wie gesagt, hockten wir uns hin und schrieben an Herrn Horst Rudolf B ... eine Erwiderung,
der (irrtümlicherweise) in seinem Leserbrief meint, die gefährdeten Anwohner in Rodenkirchen wüssten nicht, dass ihnen auch Grundwasser droht, und man deshalb den teuren Hochwasserschutz doch lieber gleich ganz weglassen sollte:
"Sie irren sich, Herr B.
Wir wissen sehr gut, dass es keinen 100%igen Schutz gibt und das lästige Drängewasser von unten ein Problem ist. Und wir wissen auch, dass die Alteingesessenen (viele, nicht alle) ihre Wohnzimmer hoch genug gelegt haben, um einem 10,70 Meter-Hochwasser zu trotzen.
Aber das ist nur die eine Seite. Inzwischen haben zahllose Mitbürger (teilweise von der Stadt durch Baurecht gefördert) ihre Häuser (teilweise weitab vom Rhein) in Höhen, wo ihnen ein einziges 11,30Meter-Hochwasser das gesamte Eigentum nehmen wird. Das sind nicht nur Unvorsichtige, nein, das sind auch Neubürger, die keiner – allen voran die Stadt – über die Gefahr aufgeklärt hat. Wohlgemerkt – ich rede nicht von Grundwasser, sondern von ungeschützter freier Überflutung von halb Rodenkirchen.
Das betrifft nicht nur das Viertel um die Wilhelmstraße, wie Sie schreiben. Sondern auch (und ich schreibe Ihnen mal die Wasserhöhen dazu, die bei freier Überflutung dort stellenweise an und in den Häusern stehen) den Mühlenweg (2,80m), die Schwabenstraße (1,50m), die Gunterstraße (2,00m), die Mildred-Scheel-Straße (1,50m), die Rotterbergstraße (2,10m), die Bachstraße (1,50m), die Heinrich-Heine-Straße (2,50m), die Ringelnatzstraße (1,50m), Birkenstraße (2,10m), am Lennartzhof (2,50m), die neuen Häuser an Judenpfad in der zweiten Reihe (bis 3,90m), Hasengarten/Stiftswäldchen (2,10m). Diese Aufzählung ließe sich noch um Straßen im Maler- und Musiker-Viertel, in Weiß und in Sürth erweitern. Das lasse ich lieber.
Dies alles haben Sie sicher nicht bedacht, sehr geehrter Herr B. Und Sie haben vielleicht für einen Moment vergessen, dass uns die Meteorologen für die nächsten Jahre häufigere und stärkere Niederschläge vorhersagen und wir ja in letzter Zeit schon einen Vorgeschmack auf das Kommende gekriegt haben: Elbe und Donau 2002, Rhône und Nebenflüsse gerade jetzt – und das sind beileibe nicht alle Warnungen! Das wissen Sie ja selber genauso gut wie ich.
Und sogar die Bezirksregierung – und das ist ja wohl nicht gerade eine bürgerfreundliche Adresse – anerkennt eine Schadenminderung durch den Hochwasserschutz in unserem Bereich von über 350 Millionen Euro.
Die Bürgerinitiative würde auch gerne einmal persönlich mit Ihnen sprechen, falls Sie das wünschen. Wir könnten Ihnen dann auch die Überflutungskarten von Ruiz Rodriguez & Zeisler zeigen, auf denen das ganze Chaos sichtbar wird. Sie betrifft es vielleicht nicht, aber Ihre Nachbarn.
In diesem Sinne – gönnen Sie uns ein bisschen mehr Sicherheit, damit wir nicht jeden Winter angstvoll auf den Rheinpegel starren.
Mit freundlichem Gruß Thomas Kahlix (BI-Hochwasser)"
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Für den Kölner Stadt-Anzeiger haben wir natürlich auch noch ein paar passende Worte gefunden:
Wir haben darin mitgeteilt, dass wir durchaus beeindruckt waren von der Sachkenntnis und Kompetenz, mit der die Mitarbeiterinnen über die komplexe Materie Hochwasser berichtet haben.
Es schien nicht weiter wichtig, dass der Artikel vom 3. Dezember – auf den sich Herr B. aus Rodenkirchen bezieht – einige Fehler enthielt; so die Behauptung, dass bis auf wenige Ausnahmen wie in der Altstadt der Schutz auf 11,90 Meter erhöht werden soll (Schließlich machen die nur bis 11,30 m geschützten Viertel wie Rodenkirchen zwölf Prozent des Kölner Stadtgebiets aus). Immerhin verbreite der Artikel etwas Hoffnung, und wir dachten: Hauptsache, die Botschaft kommt an.
War wohl ein Fehler, nicht sofort und heftig zu reagieren.
(Obwohl: Unsere Leserbriefe werden ja sowieso nicht abgedruckt.)
Wir betonten auch, dass nicht Herrn B. der Vorwurf zu machen sei. Er hat da etwas gründlich missverstanden, und ein Einzelner darf irren.
Aber wir finden es unverständlich, dass eine sich selbst für seriös haltende Presse so etwas einfach so veröffentlicht. Mit der wohlfeilen Bedienung verbreiteter Vorurteile macht der Kölner Stadt-Anzeiger mit einem einzigen Missgriff die eigene Aufklärungsarbeit zunichte. Und dass die der BI Hochwasser dabei gleich mit beschädigt wird, sei nur am Rande erwähnt.
Natürlich ist es jedem Blatt freigestellt, eine bestimmte Lesermeinung zu veröffentlichen. Aber die Zeitung muss sich doch darüber im Klaren sein, dass dies im Zweifel auch die Tendenz des Blattes widerspiegelt.
Hier im Klartext also: Eigentlich meint der Stadt-Anzeiger auch, dass Hochwasserschutz zu teuer und damit überflüssig ist. Er traut sich aber nicht, das gerade heraus zu sagen. Also bedient er sich einer passenden Lesermeinung.
So ganz nebenbei kitzelt man damit natürlich auch Lesers Sensationslust: "Prima! Lasst die doch absaufen. Sind ja sowieso nur Schwerreiche mit Blick auf das Rheinufer!" – Dass das überwiegend Unsinn ist (allerdings heimlicher Wunsch des OB: Mehr teures Wohnen am Strom! Aber das ist eine andere Geschichte), daran haben wir lange und mühsam gearbeitet. Aber dank Kölner Stadt-Anzeiger werden beim nächsten Hochwasser sicher noch mehr Gaffer anreisen. Worüber dann wieder bedauernd zu berichten wäre ...
Jedenfalls hat die BI Hochwasser energisch protestiert ob solch primitiver Effekthascherei auf Kosten hochwasserbedrohter Mitbürger.
Die Bürgerinitiative wird nicht aufhören zu versuchen, die Nachbarn (in nah und fern) für eine vernünftige und nachhaltige Hochwasserschutzpolitik zu gewinnen.
Ganz egal, ob der Stadt-Anzeiger dagegensteuert oder nicht...
Und wir haben die Zeitung gebeten, unsere (oben eingefügte) Antwort an Herrn B. an dessen Adresse weiterzuleiten.
So geschehen und an den KStA gesendet per E-Mail am 12. Dezember 2003 ...
Wie üblich und irgendwie auch erwartet hat der Stadt-Anzeiger es bis heute (15.11.2005) nicht für nötig gehalten, sich in irgend einer Weise zu rühren.
Ob der Brief an Herrn B. weitergeleitet wurde, wissen wir genauso wenig wie wir wissen, ob man bei dieser Art Zeitung überhaupt weiß, was man tagtäglich so anrichtet ...
Was haben wir eigentlich getan, dass man uns mit so einer Presse bestraft?
Es weihnachtet wieder mal sehr ...
Vielleicht wird ja alles gut!