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Pegel Köln vom 14.12.2018
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Im Computer schwappt der Rhein bis Buchheim

Samstag, 23. November 2002 um 01:00 Uhr Ruiz Rodriguez stellt Simulation vor

Kölner Stadt-Anzeiger 23./24. 11. 2002

Im Computer schwappt der Rhein bis nach Buchheim

VON PETER BERGER

Experten aus Verwaltung und Wissenschaft berieten im Technischen Rathaus über die Folgen der Jahrhundert-Flut an der Elbe für den Rhein.
“Nach der Flut ist vor der Flut” hat ein Teilnehmer mit Filzstift auf ein Plakat geschrieben, das neben dem Eingang zum Konferenzraum hängt. Und als wäre das noch nicht Warnung genug, mahnt drinnen Reinhard Vogt, Leiter der Hochwasserschutzzentrale Köln: “Wir müssen uns daran gewöhnen, das Undenkbare zu denken.”
Genau das tut Professor Ruiz Rodriguez in eindrucksvoller Weise - im Auftrag der Stadt Köln. Ein Mausklick am Computer und an der großen Projektionsfläche entwickelt sich ein Horrorszenario: Der Rhein klettert auf zwölf Meter Kölner Pegel, schwappt langsam über die Schutzwände. “Schauen wir uns nur mal Deutz und die angrenzenden Stadtteile an”, sagt der Professor. Binnen 24 Stunden steht die Köln-Messe unter Wasser, ist vom ICE-Bahnhof Deutz-Tief nichts mehr zu sehen. Das Wasser läuft durch den Tunnel der Stadt-Autobahn an der Frankfurter Straße bis nach Buchheim, Teile von Kalk versinken bis zu drei Meter tief in den Fluten. Selbst von der Tankstelle Röttgen an der Flughafen-Autobahn sind nur noch die Dächer zu erkennen. Ein Blick in die Expertenrunde verrät: Mit Panikmache hat das, was Ruiz Rodriguez gerade vorgeführt hat, nichts zu tun. Wissenschaftler neigen nicht zu Dramatisierungen.
Im Gegenteil: Die Computer-Grafiken des Ingenieurbüros Rodriguez & Zeisler werden spätestens Ende 2003 allen Haushalten zur Verfügung stehen. Dann wird jeder Kölner per Hochwasserkarte oder im Internet kontrollieren, wie gefährdet er tatsächlich ist. Mit Broschüren und Veranstaltungsreihen will die Hochwasserschutzzentrale zusätzlich gegen die Flut von Anfragen ankämpfen, der sie sich seit der Elbe-Katastrophe ausgesetzt sieht. Köln bastelt an jenem umfangreichen Bürgerinformationssystem, das die Hochwasserschutzgemeinschaft seit 1993 immer wieder vergeblich gefordert haben. Es sei traurig, dass erst die Elbe über die Ufer treten müsse, damit endlich Bewegung in die Sache komme, kritisiert ihr Vertreter.
Seither ist das Interesse groß: Versicherungen, Hauseigentümer, Makler, Mieter, Investoren - alle wollen wissen, ob und ab welchem Pegelstand sie gefährdet sind, sagt Reinhard Vogt. “Das fängt bei der Frage des Hausbesitzers an, ob er den neuen Kessel für die Ölheizung in seinen Keller stellen kann oder sich etwas anderes überlegen muss.”
Das Potsdamer Institut für Klimaforschung (PIK) hat bei einer aktuellen Umfrage in den Haushalten gefährdeter Gebiete Kölns festgestellt, dass die Hälfte aller Eigentümer an Selbstschutz noch keinerlei Gedanken verschwendet. Die Erhebung bei den Unternehmen ist noch nicht abgeschlossen, doch “haben uns 20 Prozent der befragten Betriebe mitgeteilt, sie hätten kein Interesse, weil sie nicht gefährdet seien”, sagt PIK-Mitarbeiter Dr. Fritz Reusswig. “Dabei haben wir lediglich die Hochwasser-Stände von 1993 und 1995 zu Grunde gelegt.” Zur Erinnerung: Am 30. Januar 1995 stand der Pegel bei 10,69 Meter.
Wie gefährdet Unternehmen tatsächlich sind, macht der zweite Klick in die Computer-Simulation deutlich. Bei 12,50 Meter steht der gesamte Kölner Norden unter Wasser, ist selbst in großen Teilen von Worringen Land unter - einschließlich der Chemie-Standorte. “Genau darauf müssen wir uns vorbereiten”, sagt Reinhard Vogt.
Bleibt die Frage nach dem Wie: Über Fragen der Risikowahrnehmung, des Selbstschutzes und der Nachbarschaftshilfe diskutieren die Experten am Nachmittag. Und über die von Reinhard Vogt so genannte “zweite Verteidigungslinie”, die immer da errichtet werden soll, wo das Wasser im ersten Schwall nicht zu halten war. Nach der Flut ist vor der Flut. Zwei Mal sei der Kölner Pegel in diesem Jahr schon über 8,50 Meter geklettert, sieben Mal über sieben Meter. “Nach dem Hochwasser-Kalender hatten wir damit schon zwei Wasserstände, die nur alle fünf Jahre vorkommen dürften”, sagt Vogt. “Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.”

(PETER BERGER)